Konzertbericht: Uelzen und Halberstadt – 14./15. August

Mitte August haben wir Berlin für zwei Konzerte hinter uns gelassen. Und weil dieses Konzertwochenende auf mehreren Ebenen für uns einprägsam war, wollen wir diesem nun einen kurzen Bericht widmen:

Nach einer 3 ½-stündigen Autofahrt kamen wir in Uelzen an und fanden uns in der Wohnung von Chris von Tischlerei Lischitzki ein. Hier wurden wir von ihm und Janina mit Getränken und Essen bewirtet, wofür wir uns hiermit nochmal danken möchten. Mit den beiden haben wir dann über alles was so aktuell passiert diskutiert und sind bei dem Thema des Buches von Klaus Farin vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin über Frei.Wild hängen geblieben (Titel: „Südtirols Konservative Antifaschisten“) und haben festgestellt, dass wir das Buch ähnlich beschissen finden wie die Band. Noch haarsträubender sind dann auch Farins Äußerungen zum Thema Grauzone in der Zeitung „Die Welt“. Hier sagt er, dass der Begriff der Grauzonenband „einzig und allein der Denunziation“ dient. Eine Aussage, die wir grundsätzlich falsch finden. Frei nach dem Motto „der Mantel unpolitisch, das Futter meinungsfrei“ werden bei Klaus Farin Rassist*innen nur durch eindeutig rechtsextreme Inhalte definiert. Glauben können wir jetzt – wo wir diesen Bericht schreiben – immer noch nicht, dass Menschen, die sich eigentlich besser auskennen müssten, sich der Feststellung verweigern, dass es schon längst nicht mehr nur um selbstdefinierte Rassist*innen geht (Immer noch! Keine Frage), sondern vor allem auch um die überall alltäglich stattfindenden Rassismen, derer man sich so schamlos und frei im öffentlichen Raum bedienen kann. Die Sensibilität für all das, was man doch (noch) sagen dürfe, vor allem aber für das, was man jetzt und hier eigentlich sagen sollte, geht momentan einfach zu Vielen ab und es steckt zu viel Geld, Stimmungsmache und Öffentlichkeit hinter Phänomenen wie Frei.Wild, als dass man hier noch ruhig schlafen könnte. Gut jedenfalls, dass solche und andere Bands der gesunden Wahrnehmung anderer nicht entgehen und die Tore auf Hamburgs Reeperbahn für sich verschlossen vorfinden durften.

Nach unserem kurzen Polittalk ging es dann also zum Proberaum von Chris, einem ehemaligem Kühlraum, wo wir unter Mithilfe von Ralf (der von der Tischlerei Lischitzki, versteht sich) die Technik für das abendliche Konzert aufgebaut haben. Auch Micha von der Tischlerei war später zum Konzert da. Ein Wiedersehen mit der ganzen Band gab es aber nicht, weil Andreas im Urlaub war (das hat er sich sicherlich verdient); sonst hätten sie es sich auch nicht nehmen lassen die Konzerte gemeinsam zu bestreiten.

Kasablanka, zu denen wir vorher nur per Email Kontakt hatten, kamen dann kurz bevor der Abend offiziell gestartet ist an. Ihre Autofahrt von Köln hatte sich durch einige fiese Baustellen verzögert. Dementsprechend fiel das erste Kennenlernen eher kurz aus. Erster Eindruck: sympathische, unkomplizierte Typen. Dann hieß es aber auch schon mit unserem Set anzufangen um nicht durch ein allzu spätes Konzert die Nachbarn, oder die Polizei unnötig aufzuschrecken. Zum Glück gibt es in Uelzen noch keine fest etablierte Anwohner*innen-Szene (siehe Frankfurt/Oder). Die Stimmung jedenfalls war berauschend, es waren schließlich auch mehr Leute gekommen als wir erwartet hatten, und die Songs (viel Neues war dabei) kamen bestens an, was uns sehr gefreut hat.

Nach dem Konzert wurde dann direkt umgebaut, damit Kasablanka den Gästen weiter einheizen konnte. Der ehemalige gut isolierte Kühlraum, der anfangs noch milde 20°C hatte – eine willkommene Abwechslung zu den 30°C auf der Autobahn – hatte sich mittlerweile auf Körpertemperatur erwärmt, ohne Aussicht auf Abkühlung. Das musste auch Kasablanka hinnehmen, die, ebenso wie wir, mehrere Liter Körperflüssigkeit während des Konzertes verschwitzt haben. Die Liveperformance ihres Albums, das sie gerade erst bei Guido Lucas im Stöhr Sound Studio eingespielt haben, hat uns auf ganzer Linie überzeugt: super Musik, geile Bühnenpräsenz und sparsame Attitüde.

Der restliche Abend wurde dann dafür genutzt sich gegenseitig kennenzulernen und sich mit den Besucher*innen des Konzertes auszutauschen. Benni konnte viel über buchstäblich revolutionäre nachhaltige Landwirtschaft lernen. Erwartbarerweise verschwimmen die Erinnerungen irgendwann, wenn man plötzlich wieder weiß, wie viel man eigentlich nicht weiß, zumal aus dem zu diesem Zeitpunkt 40°C-heißen Raum, der zum Glück, dank Chris, ein scheinbar unerschöpfliches Reservoir an (irgendwann nicht mehr ganz so kühlem) Bier aufweisen konnte. Ein Nachtspaziergang zu Chris und Janina brachte Erfrischung. Der Morgen war trotz wenig Schlaf (Grund: Dirk) angenehm relaxt und die Verabschiedung war herzlich. Am 3. Oktober werden wir uns ja wieder mit der Tischlerei in Berlin im Supamolly treffen, wenn die gemeinsam mit Option Weg für deren neue Platte ein Release-Konzert schmeißen werden.

Nun ging es am 15.08. erstmal durch die niedersächsische und sachsen-anhaltinische Provinz nach Halberstadt. Das Konzert hier stellte zunächst in der Hinsicht etwas Besonderes dar, dass Ollie und Simon hier in der Nähe aufgewachsen sind und ihren Weg zum Punk fanden: vor allem in Quedlinburg in der Reichenstraße, aber eben auch hin und wieder in der Zora in Halberstadt. Mit Peppone hatte sich für den Abend eine weitere Band angekündigt, die zu Teilen aus Sachsen-Anhalt kommt und zu Teilen auch dort wohnt. Wir waren in jedem Fall schon gespannt, weil ihr erstes Album in fast allen gängigen Fanzines und Blogs durchweg sehr gut aufgenommen wurde. Zudem hatten sie uns vorher schon verraten, dass sie in Halberstadt Lieder von ihrem neuen Album spielen werden. Die Peppones kannten wir immerhin schon, weil sie uns bei unserem Konzert in Potsdam im Juni besucht hatten. Hier hatten wir uns von Anfang an gut verstanden. Auch bei Kasablanka, die in Halberstadt als erstes spielten, hat sich im Laufe des Wochenendes der Ersteindruck bestätigt, dass das hier ziemlich sympathische Leute sind, die auch noch sehr gute Musik machen und mit denen wir hoffentlich nicht das letzte Konzert gespielt haben werden.

Bevor wir aber überhaupt erst mit dem Aufbau für das Konzert anfangen konnten, machten wir uns noch schnell auf zum Halberstädter Bahnhof, um ein paar Freund*innen, die für das Konzert aus Berlin nachgereist sind, abzuholen. Diese hatten uns aus dem Zug bereits informiert, dass ein Mob von „mutmaßlich“ Rechtsextremen in Oschersleben eingestiegen waren und auf dem Weg nach Halberstadt sind. Wie sich herausstellte, gab es in Oschersleben eine „Mahnwache“ gegen eine geplante Unterkunft für Geflüchtete, organisiert von der Partei Die Rechte, dem sich mehrere Bürger*innenbündnisse und Parteien unter dem Motto „Oschersleben heißt Geflüchtete willkommen! – Refugees welcome“ entgegengestellt haben. Jene Gruppierung aus Rechten, Neonazis, und „besorgten Bürger*innen“ stand dann auch schon auf dem Bahnhofsvorplatz in Halberstadt und wartete wahrscheinlich auf den Bus. In diesem Moment kamen allerdings zwei Menschen mit dunkler Hautfarbe und suchten schwer bepackt und etwas verloren nach einer Auskunft. Natürlich hat es sich der rechte Mob nicht nehmen lassen, zu pöbeln und die beiden verbal anzugreifen. Bevor sich irgendein Übergriff ereignen konnte, hatten wir die beiden gefragt, ob wir behilflich sein können. Durch die Zeitung war uns ja bekannt, dass im Juli eine Notunterkunft für Geflüchtete mit Steinen beworfen wurde, wobei eine Mitarbeiterin des DRK leicht verletzt wurde. Zwei weitere Angriffe auf die Notunterkunft und die ZAST konnten immerhin verhindert werden. Dabei wurden zwei bekannte Rechtsextreme von der Polizei festgenommen und weitere Personen aus dem Umkreis der Partei Die Rechte in Verbindung zu den geplanten Angriffen erkannt.

Die Stimmung war also aufgeheizt. Bereits vor 23 Jahren flogen zuerst Steine auf das Asylbewerberheim in Quedlinburg und später Molotovcocktails (heute ist das Heim einem LIDL mit großem Parkplatz gewichen). Hier wurden die Ereignisse aus Rostock-Lichtenhagen nachgespielt – Hoyerswerda folgte nur wenige Tage später – und so bestätigt sich heute die Angst, dass sich die Ereignisse wiederholen, wenn nun fast täglich Pogrome gegen Hilfesuchende und Unterkünfte verübt werden und dem rechten Terror viel zu wenig aus der Politik entgegengesetzt wird und viel zu viel Unterstützung aus der breiten Masse „besorgter“ Bürger*innen zuteil wird. Die Geschichte ist zwar eine gute Lehrerin, aber sie findet keine Schüler*innen. Da ist es gut zu wissen, dass sich Läden wie die Zora und die Reichenstraße in dieser Gegend aktiv gegen Rassismus einsetzen.

Kurzentschlossen hatten wir also den beiden Menschen aus Eritrea angeboten sie mit dem Auto vom Bahnhof zur Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber*innen und damit aus dem unmittelbaren Umkreis des rechten Mobs zu fahren. Die beiden, Bruder und Schwester, nahmen unser Angebot an, denn schließlich waren sie hier nach Halberstadt zur ZAST geschickt worden. Auf der kurzen Fahrt konnten wir uns darüber unterhalten, was sie hier erwarten, und was sie erwarten würde. Ihnen schließlich alles erdenklich Gute zu wünschen, war mit dem Zwiespalt behaftet, dass man weiß, wie in diesem Land Stimmung gegen Geflüchtete und Hilfesuchende gemacht wird, und die Bürokratie und die Politik der Einwanderung systematisch Steine in den Weg legen. Immerhin blieb für uns die Gewissheit, klar antworten zu können, wenn z.B. die eigenen Eltern dann fragen ob man überhaupt allen helfen könnte und sollte: Ja. Weil es Menschen sind!

Nach solch einem Thema lässt sich im Text keine elegante Überleitung finden. Den Bruch sollte man nicht glätten, aber der Abend ging weiter und die Konzerte standen an. Die Helfer*innen der Zora hatten mittlerweile die Stände des Festes für Kinder, Erwachsene und Familien abgebaut und wir begannen mit dem Aufbau für das Konzert. Die Zora hat als Konzertraum einen sehr schönen Gewölbekeller mit einer kleinen Bühne und Technik eingerichtet, sodass der Soundcheck genauso unkompliziert verlief wie letztlich die Konzerte auch.

Etwas schade war dann doch, dass es eine Gruppe lokaler Jugendlicher gab, die nicht zum Konzert kamen, weil sie laut Eigenauskunft lieber vor der Tür das Bier von der Tanke für 90 Cent trinken als in der Zora für 1,50 €. Da half auch der freie Eintritt für die Konzerte nichts. Dieser Umstand ist, gerade in diesen ländlichen Regionen, leider wirklich tragisch, da es dadurch den linken Jugendzentren immer schwerer fällt zu existieren und ein sinnvolles Programm anzubieten. Wir wissen wie wichtig diese Läden für uns in unserer Jugend waren und fänden es ungemein schade, wenn die Szene in diesen Gegenden den Gedanken des Unterstützens von linken Freiräumen nicht mehr in sich trägt. 

Neben vielem Anderen was dann doch sehr positiv an dem Abend war, stach noch Folgendes heraus: unter den Konzertbesucher*innen waren auch Hörgeschädigte und Gehörlose, sodass wir zum ersten Mal einen Konzertabend miterleben konnten, wo Texte und Musik simultan in Gebärdensprache übersetzt wurden. Das hat uns sehr beeindruckt und noch einmal in der eigenen Überzeugung bestärkt, dass mit Punkmusik wirklich etwas ausgesagt werden kann und es etwas wert ist, Texte zu schreiben, die verständlich sind und sich nicht in der Funktion erschöpfen, dass man sie mit 2.0 Promille noch mitsingen kann. Die Verantwortung für die eigenen Texte steigen, wenn plötzlich Leute im Publikum sind, die an deinen Lippen hängen, weil sie es anders oder ohne Gebärde sonst nicht verstehen – denn eins ist sicher: diese Leute werden die Texte auch noch verstehen, wenn der Sound oder man selbst mal scheiße ist. Vielleicht ist Deutschpunk (hier eher als Fremdzuschreibung statt als Selbstbeschreibung gedacht – lieben Gruß ans Tiefgrund) doch noch nicht so tot wie man mancherorts in Berlin glauben mag, und kann eine Musik sein, die mit verständlichem Text und Inhalt über archaische Emotionalität und musikalische Kraft/Gewalt hinausgeht.

Alles in allem war es ein sehr gelungenes Konzertwochenende für uns und eine großartige Möglichkeit andere Leute kennenzulernen und über die großstädtische Realität hinauszublicken.

Unser Dank geht (in chronologischer Reihenfolge) an Chris, Ralf und die Tischlerei, Kasablanka, die Zora und im Besonderen an David für die Organisation, an Peppone und alle mit denen wir uns so gut unterhalten haben. Bilder vom Abend in Halberstadt hat Andreas gemacht und auf seinem Blog eingestellt. Ein ganz großes Dankeschön auch dafür!

Ein Kommentar:

  1. Super Konzert-Bericht, danke! Der Abend war richtig rund, musikalisch prima abgestimmt. Auch ich, der die Bilder geknipst hat, bin hochgradig schwerhörig und ich finde die Idee, die Texte Hörgeschädigten zu vermitteln, großartig! Ich fand den Abend gelungen, auch wenn viel zu wenig Leute das Gratis-Konzertangebot (!!!) angenommen haben. Ich frage mich seit Jahren, wo das einst so gut funktionierende Szene-Club-Bewusstsein geblieben ist. Gesaugte MP3`s in mieser Qualität und dieser eine °dingsdabumsda° Hit reichen den Jugendlichen heutzutage offenbar. Ich weiß leider ziemlich sicher, dass viele Jugendliche denken, dass Techno Musik seie. Dabei ist Techno nur Unterhaltung, im weitesten Sinne, jedoch definitiv keine Musik. Ihr drei Bands habt gut zusammen gepasst, kommt bitte bald mal wieder! Rock`n`Roll, Andreas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.